Alice Aufführung im großen Sendesaal Funkhaus Hannover

 

Interview anläßlich der ARD Hörspieltage 2011


Ramona Dusch: Das Live-Hörspiel ist jedes Jahr gut besucht. Worin sehen Sie die Attraktivität des Live-Orchesterhörspiels für Kinder und Eltern?

Henrik Albrecht: Bei einer akkustischen Kunstform wie dem Hörspiel ist es ja nicht einfach, den Aufwand und all die Mitwirkenden, die für das fertige Hörspiel nötig sind, sichtbar zu machen. Beim Orchesterhörspiel sitzen alle Beteiligten auf der Bühne und ich bekomme jedesmal eine Gänsehaut, wenn ich erlebe, wie an die 60 Künstler gemeinsam an dem Klang und der Geschichte weben. So können alle hautnah erleben,was es braucht um ein Orchesterhörspiel umzusetzen: Ein wunderbares Orchester - die junge Philharmonie Esslingen unter Andreas Kraft - und drei begnadete Schauspieler - Laura Maire, Uli Noethen und Stefan Kaminski.

RD: Was ist für Sie die Besonderheit im Vergleich zu einem normalen Hörspiel?

HA: Beim Orchesterhörspiel ist natürlich die Musik sehr wichtig. Alle Geräusche, alle Räume und die Atmosphäre des Ganzen werden von der Musik bestimmt. Ob sich Alice auf einer herrlichen Blumenwiese oder in einem dunklen Wald aufhält, dies alles wird durch die Musik dargestellt. Das Orchester erweckt eine ganze Welt zum Leben, durch die sich die Schauspieler dann bewegen. Für die Schauspieler ist es auch eine besondere Erfahrung, sich mit ihrem Text auf eine Livemusik zu setzen. Dies lässt für die Darsteller ein anderes Spiel zu. Es entsteht ein Nehmen und Geben zwischen Musik und Text.

RD: Was ist notwendig, um Musik, Sprache und Text so zusammenzubringen, dass ein Live-Orchesterhörspiel entsteht?

HA: Schon bei der Bearbeitung des Textes ist es für mich wichtig, die Musik im Kopf zu haben. Ich lese dann den Text schon in Ansätzen wie eine musikalische Form. So ist der Tränensee wie ein symphonischer Steigerungssatz angelegt, die darauf folgende Raupe ist dann eher der langsame Satz, die Herzkönigin hat in ihrer aufbrausenden Art eher Finalcharakter und so weiter. So entsteht schon in der Textbearbeitung eine kleine symphonische Form mit verschiedenen Charakteren. Dann habe ich nach einem musikalischen Motiv für Alice gesucht. Hierbei dachte ich an ein unschuldiges aber auch, wie soll ich sagen, unternehmungslustiges Thema. Es ist schließlich ein kleines Walzerthema geworden, was neugierig durch eine bunte Welt von quintfall Harmoniern schlendert. Die Flöte sollte dieses Thema spielen, vom Klang her ein ganz klares und reines Instrument in der Orchesterlandschaft. Beim Komponieren kam mir dieses Thema immer wieder in den Sinn, wenn Alice etwas sagt. Dies hat sich zu einem immer stärkeren erzählerischen Mittel entwickelt. Gleichzeitig wollte ich dem Sprecher des Wunderlandes, der eine Fülle von Figuren darstellen muss, ein wenig helfen, indem ich bestimmte Figuren mit bestimmten Instrumenten versehen habe, die den Text quasi mit ihm zusammen "sprechen". So schlängelt sich mit dem Text der Raupe immer das Englisch Horn durch die Musik und maskiert mit ihren Tönen die Satzmelodie des Schauspielers. Die Herzkönigin donnert im wahrsten Sinne des Wortes mit Pauken und Trompeten heran. So kann man diese Stücke auch musikalisch als ein Zwiegespräch zwischen den entsprechenden Instrumenten hören.

RD: Was müssen Sie beachten, wenn Sie ein Orchesterhörpiel für Kinder machen – im Vergleich zu einem Orchesterhörspiel für Erwachsene?

HA: Ich mache da erst einmal keinen Unterschied. Zunächst erzähle und komponiere ich die Geschichte für mich als den "Ersthörer" und ich bin zumindest vom Alter her ein Erwachsener. Ich kann mir keine Hörer vorstellen und für die dann Noten komponieren, die mir eventuell selber nicht gefallen. Allerdings finde ich bei einem jungen oder jung gebliebenen Publikum eher eine Unvoreingenommenheit und eine Bereitschaft sich überraschen zu lassen als bei erwachsenen Hörern. Dann habe ich die Erfahrung gemacht, dass Kinder Ihre Hörspiele heiß und innig lieben. Dass eine CD dann an die 300 mal gehört wird, ist nicht ungewöhnlich und macht die Last der Verantwortung für einen Komponisten größer. Ich glaube, meine Ernste Musik für den Konzertsaal wird nicht so oft gehört wie meine Orchesterhörspiele. Und etwas zu komponieren, was auch beim 300ten Hören interessant bleibt, kann einen schon unter Druck setzen. Und liebe Eltern ich komponiere das auch für Euch, die Ihr eventuell zum 300ten Mal mithören müsst. Ich hoffe Ihr könnt selbst dann immer noch was Neues in der Musik entdecken. Auch finde ich es sehr spannend,Hörspiele für Kinder wie Botschaften zu verstehen, die durch die Zeit reisen. Ich habe meine Lieblingshörspiele der Kindheit auch einmal Jahre später gehört. Es ist dann schön, wenn es auch in einem anderen Lebensabschnitt immer noch etwas auf den ausgenudelten Kassetten zu entdecken gibt. Diese Hörspiele sind dann wie eine Flaschenpost, die später erst vom Empfänger geöffnet und verstanden wird, nachdem sie etwas durch die See der Zeit gedümpelt ist. So habe ich an ein paar Stellen ein Augenzwinkern in die Musik komponiert, was man vielleicht erst später versteht, wenn man schon mehr klassische Musik gehört hat.

Alice im Wunderland


RD: Was reizt Sie an einem Live-Orchesterhörspiel?

HA: Ich finde schön, dass sich hier die verschiedenen Medien und Kunstformen annähern. Ich habe hier die Möglichkeit, viele Sachen auszuprobieren. Auch wird das Zusammenspiel von Text und Musik immer enger. Bei klassischen Melodramen, wie wir sie von Schumann und den Komponisten der Romantik kennen, ist der Wechsel von Sprache und Musik recht entspannt. Bei meinen Orchesterhörspielen ist die Sprache so eng mit der Musik verwoben, dass die Sprecher vom Denken her schon eher wie Sänger agieren und die Musik sehr genau kennen müssen. Dann war es natürlich herrlich, auch ein Bühnenbild für die "Alice" umsetzen zu dürfen. Die Fernsehrequisite des NDR Hannover hat hier wundervolle Arbeit geleistet und ein wahres Wunderland geschaffen. Auf das Wachsen und Schrumpfen von Alice haben wir sehr viel Gedanken verwendet, da ich dies als eins der wesentlichen Elemente der Geschichte empfand.

RD: Welche Herausforderungen haben sich für Sie bei der Realisierung gestellt?

HA: Die große Schwierigkeit bei dieser Art des Hörspiels ist es immer, beide Elemente, Text und Musik auf eine Ebene zu bringen. Das bedeutet, dass ich den Text in meine Musik hinein komponieren muss. Für jeden Satz muss ich einen musikalischen Rahmen schaffen, dass er gehört werden kann und doch auch künstlerisch von der Musik unterstützt wird. Es soll ja ein Gesamtkunstwerk entstehen, was hinterher mehr ist als nur die Summe aus Text und Musik. So darf jeder gesprochene Satz nur die Länge haben, die in der Musik komponiert ist. Wenn beispielsweise Alice in dem Tränensee zu ertrinken droht, wird Sie von den Klangwogen des Orchesters umspült, die begreiflicherweise sehr laut und mächtig sind. Das heißt, es gibt nur wenige Stellen in der Musik, in denen Alice sprechen und gehört werden kann. Für die Schauspieler bedeutet das, daß sie während sie den Text gestalten auch noch auf die Musik hören, sie genau die Klangwelt um sich herum erleben müssen, um sich in das große Ganze einfügen zu können. Mit Laura Maire, Uli Noethen und Stefan Kaminski bin ich natürlich überglücklich, drei Schauspieler gefunden zu haben, die diese Aufgabe virtuos meistern. Bei der Komposition hatte ich den Text immer innerlich mitgesprochen, um die richtigen Dauern und Klangfarben erleben zu können, aber als die drei die Geschichte noch einmal neu zum Leben erweckten, war das für mich wie Weihnachten.

RD: Wie laufen gemeinsame Proben mit Musikern und Schauspielern ab?

HA: Wenn die Proben beginnen, ist meine einsame Zeit des Komponierens abgeschlossen, und ich kann endlich aus dem Komponierhäuserl raus in die Welt. Ebenso ergeht es dann auch meiner Musik. Die Musiker haben schon mehrere Wochen vor der ersten Probe Ihre Noten bekommen und kennen Ihren Teil des Stückes. Die Schauspieler haben das Manuskript mit dem Text erhalten. Neben dem Text ist mit einer eigens entwickelten Zeichensprache in groben Zügen der Verlauf der Musik vermerkt. Wenn dann der Dirigent den Taktstock hebt und die ersten Töne erklingen zeigt, es sich, ob Text und Musik zusammen gehen, ob beide Seiten zueinander finden.

RD: Welcher Stoff eignet sich besonders gut für ein Orchester-Hörspiel?

HA: Stoffe, die eine gewisse Bekanntheit haben, empfinde ich als besonders geeignet für ein Orchesterhörspiel. Das Orchesterhörspiel ist eine ganz neue Darstellungsform für eine Geschichte. So finde ich es immer besonders reizvoll, sehr bekannte Stoffe auszuwählen, denen ich durch die Bearbeitung zu einem Orchesterhörspiel eine neue Facette hinzufügen kann. Auch für den Hörer halte ich es für spannender, die Kombination Text und Musik bei einem bereits bekannten Text zu erleben.
Dann freue ich mich, wenn die Geschichte ein gewisses Maß an Wundern oder eine Brechung der Realität enthält. Diese sind immer besondere Einstiegsmöglichkeiten für die Musik.

RD: Was reizt Sie an dem Stoff von „Alice im Wunderland“?

HA: Meiner Meinung nach ist die Geschichte "Alice im Wunderland" wie ein Spiegel, in dem sich der Lesende sehr stark selbst erblickt. Somit gibt es unendlich viele Auffassungen und Interpretationen von "Alice". Vielleicht rührt es daher, dass ich die "Alice" als eine Geschichte über die Macht des Geschichten Erzählens gelesen habe. Ich stelle mir den Nachmittag und die gemütliche Bootsfahrt vor, bei der Lewis Carroll seiner Alice die erste Form der Geschichte erzählt hat, und ich denke, beim Erzählen hat Lewis Carroll sehr viel über sich und über Alice zu Tage befördert. Carroll setzt seine junge Hörerin immer neuen Situationen aus, verunsichert sie und stellt Ihre Welt in Frage. Beim Erzählen erfahren beide mehr über sich selbst. So mag es sein, dass ich mich als Komponist auch in dieser Geschichte spiegele, wenn ich sie als eine Erzählung über die Wirkung von Kunst verstehe. So denke ich, sind die Hörer unseres Orchesterhörspieles vielleicht nach der Aufführung auch nicht mehr die selben, wie vorher. Vielleicht entdecken wir ja alle noch den Schmetterling, der in uns schlummert.

 

Das weiße Kaninche

 

 

 

 

Neuigkeiten

Nun ist es raus! Der neue Kinderhörbuchpreis Beo für die beste Musik in einem Kinderhörspiel geht an das Orchesterhörspiel "A Christmas Carol" aus meiner Feder. Ich bin überglücklich, dass auch auf diesem Weg die viele Arbeit, die in dieser Partitur steckt belohnt wird. Danke!

Wer nicht bei der Aufführung meines neuesten Orchesterhörspiels "20.000 Meilen unter dem Meer" dabei sein konnte, hier gibt es einen Film von der Aufführung im Theaterhaus Stuttgart zu sehen.
 

Kritikerstimme

"Albrechts Komposition ist sehr farbig und abwechslungsreich, durchaus auch populär, aber nie platt oder beliebig. Er versteht es, auch fein abgestimmte Stimmun- gen und Bilder im Hörer zu er- zeugen...Albrecht ist ein großer Hörspaß für die ganze Familie gelungen."

-Neue Presse zu "A Christmas Carol"

 

"Die NDR- Radiophilharmonie und Vassilis Christopoulos haben hörbar großen Spaß an Albrechts plastisch instrumentierter Partitur"

-Hannoversche Allgemeine zu
"A Christmas Carol"


 

“Dieser Zauber tauchte beispiels- weise in "Alice im Wunderland" auf: Henrik Albrechts frische Version fasziniert als Muster musikalischen und mündlichen Erzählens.”

-FAZ zu "Alice im Wunderland"